»Jedes Kind braucht einen Rahmen, in dem es individuell wirken kann.«

03.03.2013

Die zwei Seiten der Diagnose

Hin und wieder werde ich gefragt: „Hat mein Kind eigentlich LRS oder Dyskalkulie?“ – Welche Bezeichnungen es da nicht noch alles gibt: Legasthenie, Dyslexie, Rechenschwäche, Rechenprobleme, Lese-Rechtschreibschwäche, Teilleistungsstörung. Da muss man sich doch wirklich die Frage stellen, welcher Begriff nun was bezeichnet und was den einen vom anderen abgrenzt. Grob kann man sagen, dass im Allgemeinen die beiden Teilleistungsstörungen „Dyslexie und Dyskalkulie“ unterschieden werden. Der erst genannte beschäftigt sich mit der Problematik, dass ein Mensch (nicht unbedingt immer nur ein KIND!), Schwierigkeiten beim richtigen Verschriften hat und auch Leseprobleme nicht ausgeschlossen werden. Der Begriff „Dyskalkulie“ hingegen versucht eine Teilleistungsstörung im Bereich von mathematischen Fähig- und Fertigkeiten zu beschreiben. Wichtig dabei ist, dass man von diesen Begriffen nur sprechen kann, wenn unter anderem gezeigt wird, dass es sich bei der „Schwäche“, die ein Mensch diesem Bereich hat, nicht kollidiert mit einer allgemeinen Beeinträchtigung der Intelligenz. Aus diesem Grund spricht man bei den beiden beschriebenen Phänomenen von einer TEIL-Leistungsschwäche. Die anderen Begriffe wie LRS, Legasthenie oder Rechenschwäche ranken sich dann um diese Begriffe „Dyslexie und Dyskalkulie“ herum und werden häufig auch als Synonym genutzt.

So und wofür brauchen wir dieses Wissen? Ich selber nutze die Begriffe „Dyslexie und Dyskalkulie“ als Überschriften für meine Angebote. Die Vorstellung und Abgrenzung dieser beiden Schwerpunkte fällt dadurch leichter. Doch manchmal denke ich wirklich, dass wir es uns viel zu einfach machen wollen. Hauptsache irgendeine Unart, die wir oder auch unser Kind hat, kann in eine Schublade gesteckt werden und bekommt einen Namen. Ich muss zugeben, dass auch ich hin und wieder in diese Falle tappe und mich mit einem Namen für ein Problem beruhige. „Ach, DAS ist das ja, ja dann brauch ich mir ja nicht so große Sorgen machen. Das Problem haben ja auch andere!“ - Und ja, wenn ich diesen Effekt erreichen kann, durch die reine Benennung eines Problems, dann kann ich dem Ganzen einen positiven Effekt abgewinnen. Wir kommen dann zur Ruhe, können in unsere Mitte finden, uns weniger stressen lassen und dann mit neuer Kraft und aus einem neuen Blickwinkel heraus agieren.

Leider erlebe ich viel häufiger in meiner Arbeit das Gegenteil. Dabei ist es egal um welchen „Titel“ es sich dabei handelt. „AD(H)S, ADS, LRS, Dyslexie oder Dyskalkulie“ lassen in vielen Fällen die Menschen resignieren und alles als gegeben hinnehmen. Sie fallen in eine Art Starre und meinen, dass ihr Schicksal besiegelt ist. Wenn Diagnosen solche Reaktionen zur Folge haben, dann muss ich ganz klar gegen diese „Stempel“ sprechen.

Ich möchte nämlich kein Kind vor mir sitzen haben, das schon mit 8 Jahren sagt: „Ach Maren, weißt du, ich muss das nicht mehr können. Die von der XY haben gesagt, das werde ich nie können!“ Egal, was XY gesagt hat und wie es formuliert wurde, bei dem kleinen Max ist genau das hängen geblieben, was ihn resignieren lässt und keine Energie für Fortschritt liefert! Und genau deswegen sollten wir alle mit Bedacht mit solchen Diagnosen umgehen und uns immer bewusst machen, welche Auswirkungen solche Etiketten haben können.

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