»Jedes Kind braucht einen Rahmen, in dem es individuell wirken kann.«

05.04.2013

Vorbilder

In der letzten Stunde, die ich mit einem tollen und aufgeweckten zwölf-jährigen Mädchen verbringen durfte, passierte etwas, das mich zum Nachdenken brachte.

Lara, so heißt das Mädchen, hat Probleme beim Rechnen. Ihr fällt es vor allem schwer mit Textaufgaben umzugehen. Häufig traut sie sich gar nicht so richtig an die Aufgaben heran. Bis zu dieser Stunde war ich davon überzeugt gewesen, dass es bei Lara darum geht, die Scheu vorm Rechnen zu nehmen, damit sich ihr die Chance bietet, mathematische Konzepte zu entwickeln.

Wir begannen in dieser Stunde also damit, kleine Textaufgaben zu lösen. Das klappte auch prima. Plusrechnen, Minusrechnen, sogar Malrechnen und kleine Geteiltaufgaben konnte sie super lösen. Dann ging es an Aufgaben, die schon schwieriger waren. Wir lasen die Aufgabe laut vor und auch ich konnte das Ergebnis nicht auf Anhieb wissen. Lara aber versetzte diese Aufgabe in einen solchen Stress, dass sie gleich ablehnte, diese Aufgabe überhaupt anzugucken. „Das versteh ich alles nicht. Ich hab dir doch gesagt, ich kann sowas nicht!“ – Puh! Ich begann mir Notizen auf einem Extrazettel zu machen und rechnete die Aufgabe für mich alleine aus. Lara guckte dann mit verschränkten Armen immer mal aus dem Augenwinkel rüber. Als ungefähr eine Minute vergangen war, guckte sie mich entsetzt an und sagte: „Sag mal, musst du da auch rechnen? Wieso weißt du die Antwort nicht sofort?“ Ich erklärte Lara, dass es normal ist, dass auch Erwachsene für eine Textaufgabe Zeit brauchen und nicht gleich die richtige Lösung parat haben. Das war etwas ganz Neues für Lara. In der Schule, wenn sie die Ergebnisse vergleichen würden, würde die Lehrerin immer sofort die Lösung haben!

Geben wir unseren Kindern wirklich zu verstehen, dass wir Erwachsene immer viel schlauer sind, als sie? Haben unsere Schüler wirklich das Gefühl, dass sie alles auf Kommando parat haben müssen, ohne Zeit für Überlegungen zur Verfügung zu haben? – Lara hat ein so dealisiertes Bild eines Erwachsenen im Kopf und war völlig erschüttert, dass auch Erwachsene hin und wieder mal Zeit und Geduld benötigen, um zu ihrem Ziel zu kommen. - Wollen wir das? Diese Stunde hat mal wieder gezeigt, dass wir sehr, sehr viel von Kindern lernen können und sie uns manchmal auf einiges aufmerksam machen, was wir schon längst nicht mehr wahrnehmen können oder wollen. Ich wünsche uns allen, dass wir uns in Zukunft mehr Zeit nehmen können, um eine Lösung zu finden, denn dann werden sich auch unsere Kinder diese Zeit nehmen... egal wobei!

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