»Jedes Kind braucht einen Rahmen, in dem es individuell wirken kann.«

05.05.2013

Die Seele braucht auch mal Ruhe

Mira erzählt: „Als ich im Kindergarten war, wollte ich immer gerne in die Schule gehen. Da waren die großen Kinder. Meine Freundin Susi war auch schon längst dort und hat sich total wohl in ihrer Klasse gefühlt. Dann kam der große Tag der Einschulung und ich ging mit meinen Eltern hin. Ich hatte eine Schultüte mit meinem Namen drauf: „Mira“. Es war ein tolles Fest und ich hatte richtig Lust, dass es nun endlich los geht. Ich ging in den Klassenraum und konnte mich nur auf den Platz in der zweiten Reihe setzen. Das war nicht so schön. Der Junge vor mir hat mir total die Sicht versperrt. Wenn er Quatsch gemacht hat, konnte ich nicht an ihm vorbei gucken. Auch, wenn ich nicht hingucken wollte, hat es mich so genervt, dass er laut war, und das hat mich echt gestresst. Nach ein paar Wochen wurde diese Situation bereits so doof, dass ich keine Lust mehr hatte, aufzupassen in der Schule. Ich habe dann lieber aus dem Fenster geguckt und mich an einen schönen, ruhigen Ort gewünscht. Die Lehrerin sagte meiner Mama dann beim Elterngespräch, ich würde träumen im Unterricht! – Ja das stimmt auch. Merken tue ich das selber, aber da geht es mir einfach besser mit, als wenn ich mich in der Klasse unwohl fühle. Ich dachte immer, dass Schule cool ist. Meine Freundin fand es doch auch so toll. Vielleicht hatte die einfach mehr Glück.

Am Ende der 2. Klasse sagte meine Lehrerin, dass ich in Deutsch und Mathe zu schlecht bin. Ich würde die Buchstaben vertauschen. Zum Beispiel das b und d und manchmal vergesse ich auch Buchstaben zu doppeln. Vor allem bei f und n. Minusrechnen finde ich leicht und das Plusrechnen kann ich gar nicht. Mama war ganz traurig, als sie das gehört hat. Sie sagte, dass es jetzt wichtig wäre, dass wir mehr tun würden am Nachmittag. Also ein paar Diktate schreiben und eine Seite Rechenaufgaben im Übungsbuch würden jetzt dran kommen. Das haben wir auch angefangen und mich hat es so genervt, dass Mama meinte, dass das jetzt wichtiger ist, als Spielen und Basteln. Wir streiten uns fast jeden Tag bei den Hausaufgaben. Ich habe Angst in die Schule zu gehen, wenn wir einen Test schreiben. Wenn wir keinen Test schreiben, dann geht es, dann guckt mir ja nicht jeder auf die Finger. Ich mag es nicht beobachtet zu werden. Jeder guckt zu jeder Zeit, was ich mache und ob es gut ist für die Schule oder nicht. Ich möchte einfach mal was machen, was mir Spaß macht, dann kann ich auch wieder Sachen machen, die mir nicht so viel Spaß machen.“

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Zum Glück ist Mira ein kleines Löwenmädchen und diese Löwen haben ganz schön viel Power. Damit werden sie nicht untergehen und auch gut für sich und andere Menschen in ihrem Umfeld sorgen. Sie sagen einfach direkt, was für sie ok ist und was nicht. Doch was macht ein Schmetterlingsmädchen in der Schule? - Zarte Flügel und Sensibilität beschreiben ihren Charakter. Gerade dieses Mädchen bräuchte viel Unterstützung und vor allem Zuspruch. Das Thema Schule wird immer wichtiger im Alltag von Kind und Eltern. Das beschreibt nicht nur die aktuelle Spiegelausgabe (Nr.17/22.04.2013). Dort wird erwähnt, dass aus einer Kindergesundheitsstudie von „Elefanten Kinderschuhe“ hervor geht, dass ein Viertel der befragten Zweit- und Drittklässler sich oft oder sehr oft gestresst fühlen. Wichtigster Stressfaktor sei: die Schule. Und dieser Stress bleibt ja nicht bei den Kindern stehen, sondern wird gleich an die Eltern durchgereicht. Ich möchte allen Eltern, Kindern und Lehrern eine große Portion Mut schenken: Kinder brauchen mehr als nur Lernstoff. Die Seele braucht auch Nahrung und vor allem hin und wieder mal Zeit, um zur Ruhe zu kommen.

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