»Jedes Kind braucht einen Rahmen, in dem es individuell wirken kann.«

20.10.2013

Fundierte Diagnostik als größter Bestandteil einer Lerntherapie

In den letzten Erstgesprächen, die ich mit unterschiedlichen Eltern erleben durfte, ist mir wieder mal aufgefallen, wie wichtig ist es eine fundierte Diagnostik in der Lerntherapie zu haben. Das ist eben der große Unterschied zum normalen Nachhilfeunterricht. In der Schule scheint es immer üblicher zu werden, dass Eltern gesagt bekommen, was sie in den Ferien mit ihren Kindern nachzuarbeiten haben, damit das Kind nach den Ferien wieder im Unterrichtsstoff mitkommen kann. Davon abgesehen, dass dieses ständige Üben in den Ferien (!) in der Rolle von Eltern und Kind großes Konfliktpotential birgt und wieder mal das Thema Schule in den familiären Fokus rückt, gibt es noch ein weiteres Problem. Da gibt es zum Beispiel Leon. Leon geht jetzt in die 2. Klasse und hat offenbar Schwierigkeiten mit dem Erschließen des Zwanzigerraumes. Aufgaben wie 13+4, 17-6, 9+5 fallen ihm schwer. Vor allem den Transfer zu unterschiedlichen Materialien kann unter Umständen länger dauern und das stellt Leon vor allem in der Schule vor ein Problem.

In den Ferien soll es aber erst einmal das Problem der Eltern mit ihrem Kind sein, denn die haben von der Schule aufbekommen, diese Defizite aufzuarbeiten und diese Aufgaben zu automatisieren. Wahrscheinlich haben Sie, als Eltern, so eine ähnliche Aufforderung auch schon mal bekommen. Nun kommen wir aber zu folgendem Problem: Wenn Leon jetzt tatsächlich pflichtbewusst anfängt zu arbeiten und täglich mehrere Aufgaben nach dem oben genannten Typ im Rechentrainer macht, wird er irgendwann diese Aufgabensammlung wie ein Gedicht auswendig gelernt haben und im Zahlenraum bis 20 vorerst keine deutlichen Probleme zeigen. Wahrscheinlich sind dann auch vorerst alle zufrieden und man freut sich, dass Leon jetzt endlich den Anschluss an das Klassenniveau wieder erreicht hat.

Das Problem an Automatismen ist aber, dass beim Erwerb dieser kein bzw. ein sehr geringes mathematisches Grundverständnis entwickelt wird. Die Verbindung von den einzelnen Aufgaben untereinander wird nicht erfasst. Zerlegungen, Teil-Teil-Ganze-Schemen, Strukturen werden nicht entdeckt. Das bedeutet, dass das Kind, sobald es in den größeren Zahlenraum bis 100 oder gar 1000 geht gravierende Schwierigkeiten bekommen wird - und zwar ganz plötzlich, weil das Auswendiglernen dieser Aufgabenfülle im Bezug auf den großen Zahlenraum kaum zu leisten ist. Das heißt, dass das Kind jetzt nicht nur wieder die alten Probleme im Bezug auf einen anderen Zahlenraum hat, sondern dass es jetzt auch deutlich schwieriger ist, für einen Lerntherapeuten die Ursache für diese Probleme zu erfassen. Denn nun muss in mühevoller Kleinarbeit jeder mühevoll erworbener Automatismus erfasst und zur Seite geschoben werden, um an die eigentliche Ursache zu kommen.

Das bedeutet nicht nur für die Lerntherapeutin viel Arbeit, sondern auch viel Arbeit und Anstrengung für das Kind, weil es sich wieder mit dem Zahlenraum bis 20 beschäftigen muss, den er ja eigentlich schon kann (ABER halt nur automatisiert). Im Grunde genommen können Sie sich das vorstellen wie beim Häkeln eines Schals: Sie fangen an zu häkeln und dann kommt ein Problem auf sie zu. Das umgehen sie, indem sie auf die kaputte Masche ordentlich mit Mühe und Arbeit raufhäkeln, dann ist sie irgendwann weiter unten. Dann kommen Sie in die nächste Reihe und merken: „Mist, ich weiß gar nicht, wo ich jetzt einstechen soll, weil die Masche darunter fehlerhaft ist.“ Das bedeutet, dass Sie nun mühevoll die Maschen, die zwischenzeitlich gehäkelt worden sind, zurück gehen müssen, damit sie an die Ursache kommen und dann stehen Sie wieder am Anfang.

Nun ist es ja nicht leicht sich zu überlegen, was man nun am besten tun kann, wenn die Schule Druck macht und das Kind nicht glücklich ist und Sie als Eltern letztendlich auch nicht. Meine Empfehlung ist, dass Sie so früh wie möglich zumindest eine lerntherapeutische Diagnostik durchführen lassen. Damit erhalten Sie einen Überblick über den aktuellen Stand Ihres Kindes und damit die Möglichkeit auch selbstständig mit Ihrem Kind zu trainieren, ABER, und das ist der große Unterschied: Sie haben die Möglichkeit gezielter an der Ursache zu arbeiten, ohne dass Ihr Kind Automatismen trainiert, die letztendlich nur vieles verschlimmeren. Gegen ein Training mit Automatismen ist jedoch nichts zu sagen, wenn die Basisfähigkeiten aufgearbeitet sind. Dafür ist jedoch eine Momentaufnahme mit Grenzen und Ressourcen des Kindes erforderlich.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen viel Geduld und die Kraft sich mit Ihrem Kind produktiv und respektvoll auseinander zu setzen. Es lohnt sich immer den Austausch zu suchen und sich auch die Hilfe zu holen, die man braucht, um eine Situation rundum zu erfassen.

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