»Jedes Kind braucht einen Rahmen, in dem es individuell wirken kann.«

24.12.2013

Der kleine Wolf merkt, dass es Weihnachten wird

„Sonne, Sonne, Sonne“, schrie der kleine Wolf, „wo bleibt die Sonne heute?“ – „Langsam geht die Sonne später auf!“, sagte der Papa vom kleinen Wolf. „Ach ja“, erinnerte sich der kleine Wolf recht schnell, „Bald ist Weihnachten und dann verkriecht sich die Sonne immer hinter dem großen Berg vor dem großen, schaurigen Schneeungeheuer!“ Ihr müsst wissen, dass in dem Wald, in dem der kleine Wolf mit seiner Familie wohnte, das Gerücht herum ging, dass ein großes, breites Schneeungeheuer mit gelben Zähnen sein Unwesen an Weihnachten treiben würde. Es verstecke wohl die grünen, duftenden Tannen, die doch zu Weihnachten in jedem Wolfsrevier zu finden sein sollten. Gelegentlich klaue es wohl auch Baumkugeln. Vorzugsweise nähme er die roten, die doch die Lieblingskugeln der Alphawölfin sind. Du musst wissen, die Alphawölfin ist so etwas wie die Königin der Wölfe. Plätzchen würde das Ungeheuer wohl auch hin und wieder stehlen: Die bunten, die braunen, die dicken und die dünnen Kekse. Manchmal bleiben kaum noch Kekse für alle Bewohner des Waldes übrig. Ob es nun an dem weißen Schneeungeheuer liegt oder nicht, irgendetwas lief komisch in dem Wald. Das konnte man nicht mehr leugnen. Aus diesem Grund hatten viele Tiere des Waldes, einschließlich des kleinen Wolfes, Angst vor dieser dunklen Jahreszeit, in der die Sonnenzeit immer weniger wurde.

Nun merkte der kleine Wolf, dass diese Zeit nun wieder vor der Tür stand und das bereitete ihm Unwohlsein. Trotzdem machte er sich auf den Weg zur Wolfsschule. Es gab im Wald des kleinen Wolfes nämlich unterschiedliche Schulen. Eine für Wölfe, eine für Otter, eine für Bären, eine für Vögel und eine Schule, in die die meisten Tiere gingen, die sich mit manchen Sachen in der Schule besonders schwer tun, zum Beispiel mit dem Rechnen oder Schreiben. Der kleine Wolf hatte von vielen seiner Freunde gehört, dass es dort sogar besonders toll sein sollte. Der kleine Wolf stapfte los und wie er so lief, veränderte sich die Landschaft, durch die er ging: Vor dem ersten Hügel war es kalt, der Wind wehte und der kleine Wolf war froh, dass er seine Jacke mitgenommen hatte, auch wenn er sonst nicht immer daran dachte. Nach dem nächsten Hügel nahm der Wind zu. Der kleine Wolf musste die Knöpfe seiner Jacke schließen. Es fing langsam an zu tröpfeln und dem kleinen Wolf schien es, als ob es sogar doch noch ein bisschen dunkler wurde.

Als er weiter lief, kam der dritte Hügel und nachdem er diesen passiert hatte, schauerte es dem kleinen Wolf. Die Tropfen, die der Himmel herunter warf, wandelten sich zu Schneeflocken und der Wind trieb die Kälte noch näher an die Haut des kleinen Wolfes. Nicht mal sein dickes Fell half ihm, sich vor der Kälte zu schützen. Die Sicht durch das Wetterchaos wurde immer schwerer! Der kleine Wolf bekam ein komisches Gefühl. Irgendetwas war anders als an den anderen Tagen, an denen er zur Schule gegangen war. Er guckte auf und schaute in die Landschaft um ihn herum: Er konnte nichts mehr erkennen, was ihm bekannt war. Er sah nur noch Schnee, weiße Landschaft, wehende Schneeflocken, vereiste Blumen und eingefrorene Blätter, die der Wind vom Baum wehte... und er sah... eine dicke, weiße Fellkugel, die sich langsam auf den kleinen Wolf zu bewegte. Eigentlich, das wusste der kleine Wolf, haben alle anderen Tiere des Waldes erst einmal Angst, wenn sie sehen, dass der kleine Wolf wirklich ein Wolf war. Jeder, der an einen Wolf denkt, denkt ja zuerst an die großen, spitzen Zähne und die Krallen. Die flößen ja immer erstmal Angst ein. Nur trotzdem merkte der kleine Wolf jetzt, dass ihm die Knie zitterten, er einen Kloß im Hals bekam und ihm ein kalter Schauer über den Rücken lief.

Er hatte Angst vor diesem Fellknäuel, das sich da auf ihn zu bewegte. Er versuchte verzweifelt Augen, Ohren, Nase oder einen Mund der Kreatur zu entdecken. Doch plötzlich begriff er: Diese Kreatur wackelte nur mit dem Körper und kehrte dem kleinen Wolf den Rücken zu. Kurz überlegte der kleine Wolf, ob es sich vielleicht lohnen würde, sich langsam und leise wegzuschleichen. Doch für diese Idee war es zu spät, denn in diesem Moment drehte sich das Ungetüm langsam herum. Das Herz des kleinen Wolfes schlug so schnell, dass er kaum noch atmen konnte. Er sah die dicken, breiten Hände, die Plattfüße, die Ohren, die voll Fell waren und dann erspähte der kleine Wolf die Augen der Kreatur... Oh, wie sahen diese Augen traurig aus. Tatsächlich konnte er sogar ein paar Tränen in den Augen des Schneemonsters erkennen. Die Angst des kleinen Wolfes war ganz schnell verschwunden. Jetzt verspürte er den Drang, sich um dieses Fellknäuel zu kümmern. Beide gingen einen großen Schritt aufeinander zu und die große Kreatur öffnete den Mund du sprach: „Hast du Angst vor mir? Jeder hat Angst vor mir. Ich kann mich nirgendswo blicken lassen, weil sich keiner näher an mich heran traut. Ich fühle mich so einsam!“ Der kleine Wolf war sprachlos. Er konnte nichts sagen, so erstaunt war er. Dieses Ungetüm war ganz und gar kein Ungetüm, sondern ein zwar großes, aber verängstigtes und nach Nähe suchendes Yetitier.

„Ich versuche immer es mir ein bisschen schick zu machen an Weihnachten. Jeder hat dann seine Familie um sich herum und dann fühle ich mich noch einsamer. Also leihe ich mir ein paar Kekse und Plätzchen, Tannenbäume und einzelne Baumkugeln aus, damit ich nicht ganz so doll traurig sein muss.“ Der kleine Wolf verstand nun, dass alle komischen Vorkommnisse der letzten Jahre immer mit diesem Geschöpf zu tun hatten und man vor ihm überhaupt keine Angst zu haben brauchte, weil es völlig harmlos war. „Wo ist denn der Rest deines Rudels?“, wollte der kleine Wolf wissen. „Ich habe kein Rudel. Mich kennt keiner und ich kenne keinen in diesem Wald.“, antwortete das Yetitier. „Aber du kannst doch mit zu uns kommen an Weihnachten! Ich habe ein Rudel und da kannst du gerne mit uns feiern! Du siehst doch auch fast so aus wie ich! Die anderen müssen dich nur mal richtig kennen lernen. Dann wollen sie auch was mit dir zu tun haben!“, schlug der kleine Wolf vor. Der Yeti machte große Augen. Nun war er sprachlos über die Reaktion des kleinen Wolfes. Der Wolf stapfte durch den Schnee auf das Yetitier zu. Zwischenzeitlich hörte der Schnee auf zu fallen und der Wolf nahm den Yeti an der Hand und dabei merkte er, wie groß die Hand des Yetis war und da überlegte er kurz, dass das Geschöpf, was jetzt neben ihm lief, ihm vielleicht doch nicht so ähnlich sah. Aber das war ihm nun auch egal. Als die beiden sich aufmachten, um zurück zum Rest des Rudels zu gehen, ging die Sonne auf und die einzelnen Strahlen fielen auf den Schnee, der wunderschön glitzerte und den Weg der beiden erhellte.

Frohe Weihnachten!

[zur Übersicht aller Blogeinträge]