»Jedes Kind braucht einen Rahmen, in dem es individuell wirken kann.«

04.06.2012

„Wo ist Pfirsich nur hin?“

Manchmal braucht man einfach etwas zum Abschalten. Ich erwische mich immer wieder selber dabei, Kinderbücher zu lesen und mich an den bunten Bildern zu erfreuen, die fantasievolle Geschichten vor dem inneren Auge erzeugen. Nicht nur Kindern ermöglichen solche kleinen Reisen Entspannung und Ruhe. Auch wir Erwachsene sollten uns dem öfters mal versuchen zu öffnen. In diesem Sinne wünsche ich Euch und Ihnen viel Spaß bei der folgenden Geschichte...

Es war einmal eine kleine Eule, die Flori hieß. Du kennst bestimmt viele Geschichten, die mit „es war einmal“ anfangen, aber diese ist eine ganz besondere Geschichte.

Als Flori eines Morgens aus seinem Nest kletterte, guckte er rüber zum Baumstamm des Nachbarn. Dort standen wie immer die Gießkanne, der Teppich, die Vase und das Fahrrad von Herrn Schnöf auf dem Balkon. Die Mitglieder der Familie Schnöf waren nämlich auch Eulen und wohnten gegenüber von Flori, in einem wunderschönen Eulenhaus. Doch irgendwas war komisch an diesem Morgen. Er zählte die Spinnen, die sonst immer an der Tür hängen. – Herr Schnöf hatte nämlich Spinnen als Haustiere und sicherlich hast du dir auch schon mal überlegt, ob du nicht Spinnen als Haustiere halten solltest. Schließlich gibt es von ihnen eine ganze Menge und sie essen nicht so viel. – Vorne hing schon mal die eine. Dann hing da noch immer eine rechts daneben. Die war auch da. Aber neben dem alten Mülleimer, dort hinten, da war die dritte Spinne nicht mehr. Sie war weg.

Als Flori das entdeckt hatte, kam auch schon der Sohn von Herrn Schnöf aus dem Haus. Aus seinen Augen kullerten Tränen seine Wange hinunter. Flori guckte den kleinen Fips an. So hieß der Sohn von Herrn Schnöf nämlich. „Ich bin total fertig!“, schluchzte Fips, „Meine Spinne, Pfirsich ist seit einer Stunde verschwunden. Gestern saß sie noch neben ihrem Mülleimer. Dort sitzt sie ja sonst, weil ihr da immer genug Fliegen ins Netz fliegen. Aber als ich eben wieder aus dem Haus gekommen bin, war sie nicht mehr da.“ Flori fühlte sich als Detektiv berufen und schaute sich augenblicklich auf dem Tatort um. Dort stand wie immer das Schild, auf dem in roter Schrift Pfirsichs Name geschrieben stand. Daneben war ein Bild von ihr. Sie hatte einen Schnuller im Mund. „Schließlich war sie noch klein, als das Bild gemacht wurde. Da durfte man noch einen Schnuller im Mund haben!“, dachte Flori. Auf einer der Bänke neben dem Mülleimer fand Flori eine grüne Feder. Er war sich nun sicher: „Fips, mach dir keine Sorgen, wir finden die kleine Pfirsich wieder. Du brauchst nicht mehr zu weinen.“ Fips guckte schon wieder ein bisschen glücklicher und zusammen mit Flori sprang er in Floris Nest. Dort krochen sie in den Schrank, der in Floris Wohnzimmer steht. Du musst wissen, so ein Eulennest ist größer, als es zu sein scheint. Dort ist Platz für viele Verwandte, wenn sie denn mal zu Besuch kommen und in der Nähe der Stadt sind. Jetzt packten sie erst einmal den Rucksack mit Proviant und Dingen, die man halt braucht, wenn man eine Entführung vermutet. Als erstes packte Flori die grüne Feder in die Tasche, dann noch ein paar Pfannkuchen vom Vortag. „Die schmecken doch immer so gut und vielleicht können wir Pfirsich damit locken“, schlug er vor. Dann kam noch eine kleine Portion Aal dazu. Das ist dieser lange Fisch, den man im Meer findet. Er sieht fast aus wie eine Schlange, nur, dass er im Wasser lebt. Dann nahm er noch ein Band mit und sprang zusammen mit Fips aus dem Nest. Sie flogen zusammen am Himmel bis sie die Hütte von der Raupe Vielfraß sahen. Dort wachsen immer die Sonnenblumen, die Pfirsich so gerne mag. „Da halten Pfirsichs Netze immer am besten drin!“, meint Fips.

„Hallo Vielfraß! Wir sind auf der Suche nach Pfirsich, hast du sie gesehen?“, fragte Flori. „Nein, tut mir Leid. Ich bin eben erst von einer langen Reise zurück gekommen. Aber vielleicht versucht ihr es mal bei Otto dem Fuchs? Der hält doch immer die Augen offen und weiß, was hier so alles vor sich geht. Soweit ich weiß, sitzt er gerade auf dem Feld.“

„Danke Vielfraß. Ich lasse dir noch ein paar Pfannkuchen hier, als Dank für deine Hilfe. Wir fliegen jetzt weiter zu Otto!“, antwortete Flori. Fips und Flori schwangen sich in die Luft, flogen über den Fluss und hielten Ausschau nach Otto, dem Fuchs. „Da!“, sagte Fips, „Ich sehe Ottos roten Schwanz.“ Als sie bei ihm waren, erkannten sie, dass er gerade viel Spaß daran hatte, Erdbeeren zu essen. „Da fehlen ja schon eine ganze Menge!“, sagte Flori. - „Ja, aber sie schmecken doch so gut! Was wollt ihr beiden denn von mir? Ihr seid doch sonst nie hier in der Gegend!?“, fragte Otto. - „Wir suchen meine Spinne Pfirsich! Guck mal hier ist eine grüne Feder. Wir glauben, dass jemand sie entführt haben könnte. Hast du eine Idee, wo sie sein könnte?“, schluchzte Fips. „Das klingt ja spannend!“, stellte Otto fest, „Ich habe Pfirsich tatsächlich gesehen. Sie war bei der Bäckerei und hat gefrühstückt, zusammen mit Karl dem Pferd. Das machen die ja öfters. Deswegen dachte ich mir auch nichts dabei, als ich gesehen habe, dass Pfirsich eine grüne Feder wie diese, die ihr da habt, im Haar trug. Sie sind dann zusammen zu Dagobert, dem Dachs gegangen. Vielleicht guckt ihr bei ihm nochmal nach?“ - „Gute Idee. Danke für deine Hilfe. Dann werden wir mal zu seinem Schloss fliegen und ihn fragen.“, freute sich Flori.

Flori und Fips flatterten weiter und sahen den Verein, deren Mitglied Dagobert war, von oben. „Ah, dort ist er schon!“, schrie Flori „wir brauchen gar nicht so weit zu fliegen!“ Mit den Füßen stapften die beiden durch den Sand zu Dagobert. Und ohne Dagobert überhaupt gefunden zu haben, sah Fips schon eine Kreatur mit grünen Federn auf einem Stuhl sitzen. Sie zeigte den beiden Eulen den Rücken. Sie bekamen Angst und wussten nicht, was zu tun sein könnte. Doch plötzlich lachte eine helle Stimme laut auf. Es war Pfirsich. Vor Freude schrie Fips laut auf:“Ah! Pfirsich!“ – Flori versuchte ihm noch den Schnabel zuzuhalten, jedoch ohne Erfolg. Die grünfedrige Kreatur drehte sich um und die beiden Eulen erschraken. Es war ein kleiner Vogel, der Pfirsich auf seinem Schnabel sitzen hatte. Aber keine Angst, auch wenn es so aussah, als ob der grüne Vogel die Spinne essen wollen würde, war es nicht so. Sie lachten und spielten und es sah so aus, als ob sie verliebt wären. „Pfirsich, du hast ja Nerven!“, kreischte Fips.“ Wir suchen dich die ganze Zeit und haben uns Sorgen gemacht, dass du entführt worden sein könntest. Aber zum Glück ist dir ja nichts passiert!“ – „Nein, warum auch? Mir wurde es zu langweilig immer beim Mülleimer vor eurem Haus mein Netz zu spinnen. Deswegen bin ich unterwegs gewesen und habe dabei Rotti getroffen. Hat er nicht wunderschönes, grünes Fell?“ – „Ich habe Federn!“, sagt Rotti empört. Alle lachten zusammen und Fips war froh, dass Pfirsich solch ein Glück gehabt hat und gar nichts passiert war. Und was sagst du jetzt? – War das etwa ein ganz normales Märchen?

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