»Jedes Kind braucht einen Rahmen, in dem es individuell wirken kann.«

09.09.2012

Ich bin der Otter - ich bin gerne anders!

Manchmal bin ich zusammen mit meinem Freund dem Biber am Bach. Es ist dort immer schön grün: Die Sommerblumen entfalten so bunt ihre Blätter und versprühen ihren fruchtigen Duft. Das Wasser plätschert über die kleinen und größeren Steine im Bach und es fühlt sich alles so frisch und lebendig an. Wenn wir dort an dem Platz sind, bin ich immer so lebendig und glücklich dort sein zu dürfen. Wenn ich das meinem Freund erzähle, was ich hier so alles entdecke und ich so glücklich bin hier zu sein, guckt er mich häufig zweifelnd an und sagt: „Alles klar, Otter! Ich glaube manchmal du bist ein bisschen zu sensibel. Das ist ja peinlich, wenn das die Ente hört, was du immer denkst, wenn du hier bist!“ Die Ente ist der Boss hier in der Gegend. Sie trägt immer eine dunkle Sonnenbrille, damit ihr keiner zu nahe kommt. Sie hält nicht viel von mir und meiner Art. Manchmal beschimpft sie mich sogar und sagt: „Ach du Otter, du kleines Sensibelchen. Immer musst du heulen! Reiß dich mal zusammen!“ - Ich kann mich nicht immer zusammenreißen. Wenn ich weine, dann weine ich und dann fühle ich mich danach besser, aber das versteht die Ente nicht.

Ihr habt richtig gehört: Ich bin ein Otter und erst 7 Jahre alt. Vielleicht seid ihr ja in einem ähnlichen Alter wie ich. Ich bin glücklich, ein Otter zu sein. Ich kann ins Wasser springen, schneller schwimmen als andere und wenn ich wieder draußen bin, trocknet mein Fell in weniger als einer Minute. Das ist sehr praktisch. Das kannst du mir glauben. Und ich bin froh, dass es so ist. Ich muss nämlich zugeben, dass ich es nicht gerne mag, wenn meine Haut nass wird und ich dann diesen Sand zwischen meinen Fingern spüre. Das kratzt und fühlt sich unangenehm an. In meiner Familie kann das keiner verstehen. Alle meinen dann, dass ich mal wieder überreagiere und gar kein richtiger Otter sei. „Ein Otter muss nass sein und auch mal Sand im Fell aushalten!“, sagt mein Papa immer. Manchmal finde ich das schlimm, wenn er das sagt, manchmal macht es mir aber auch nichts aus. Dann gehe ich mit meinem Freund dem Biber an den Bach, so wie heute.

In dem Bach wollen wir heute Fische fangen. Ich esse gerne Fisch. Bei den letzten Malen taten mir die Fische jedoch so leid, dass ich nicht wusste, ob ich sie wirklich essen wollte. „Von irgendwas muss ich mich doch ernähren!“, schreit der Biber, „Was willst du sonst essen? Wasseralgen mit Ketchup?“ Und irgendwie hat der Biber recht. Ich bin nun mal dazu da, Fisch zu essen. Also esse ich ihn und versuche nicht so viel darüber nachzudenken, wie es dem kleinen Fisch dabei gehen würde.

Kennst du das auch? - Dass du manchmal viel zu viel darüber nachdenkst, wenn du was machen sollst? Ich erzähle euch, was mir letztens passiert ist. Der Biber versucht nämlich gerade einen Fisch zu fangen (er fällt öfter ins Wasser, als das er es schafft, einen mit seinem Käscher aus dem Bach zu fischen). Ich lege mich hier ins Gras und erzähle euch etwas.

Als ich letzten Montag in der Otterschule saß (wir haben hier als Otter eine eigene Schule, die nachts stattfindet, weil wir da viel lieber wach sind!) und wir ein Diktat geschrieben haben, konnte ich die ganze Zeit nicht an das denken, was uns Frau Sommerer, unsere Deutschlehrerin, vorlas. Andauernd musste ich an das Wochenende denken und an den Streit, den ich mit meinem Freund dem Biber gehabt hatte. Ich war mir immer noch nicht sicher, ob ich wirklich so gemein zu ihm gewesen war, wie er es mir vorgeworfen hatte. Ich hätte ihm absichtlich den Ball geklaut, meinte er. Obwohl ich ihn ja nur wegnehmen wollte, um ihn zu der Ratte zu geben, mit der wir immer spielen. Sie war nämlich an der Reihe gewesen und nicht der Biber. Das tat ganz schön weh zu hören, dass der beste Freund so von einem denkt. Und dann saß ich, während des Diktats, vor meinem leeren Zettel und je mehr ich nachdachte, umso schlechter fühlte ich mich. Ich konnte unmöglich an mein Diktat denken. Als ich dem Biber das dann später erzählte, wusste er gar nicht mehr, worum es in unserem Streit ging. Für ihn war es wohl schon um die Ecke gewesen, für mich allerdings nicht. Ich spürte das schlechte Gefühl, was ich hatte, immer noch überall. Vielleicht kennst du das ja auch, dass du dir in manchen Situationen so viel Gedanken machst und andere daran schon gar nicht mehr denken und zu guter Letzt fragte meine Deutschlehrerin auch noch, was mit mir los gewesen sei. Das erzählt man doch nicht einfach, dachte ich mir. Also zuckte ich mit den Schultern und ging aus der Klasse. Fühlt sich komisch an, oder? Aber sei dir gewiss, wenn du das auch kennst, dann bist du ab jetzt nicht mehr alleine mit dem Gefühl, denn ich kenne das auch!

„Ich hab einen!“, schrie der Biber, „Komm reich mir den Eimer!“ Wir packen den Fisch in den Eimer und traben los zur Feuerstelle. Dort braten wir den Fisch über den Flammen und genießen das köstliche Essen. Der Biber guckt mich immer wieder an und als ich ihn frage, was er von mir will, sagt er schließlich: „Irgendwie bist du schon ein komischer Kauz! Ein kleines Sensibelchen. Erstens hast du Angst den Fischen weh zu tun, obwohl wir ohne sie nicht überleben würden. Zweitens denkst du immer viel zu viel nach und magst es nicht beim Schwimmen Sand zwischen deinen Fingern zu haben, obwohl mir das überhaupt nichts ausmacht. Drittens weinst du manchmal so schnell und ich verstehe nie warum. Viertens willst du immer, dass alles gerecht abläuft und keiner schlecht behandelt wird. Manchmal sitzt du nur rum und sagst, du brauchst Ruhe, obwohl wir doch gar nicht viel gemacht haben! Du bist anders, Otter! Aber ich mag das!“ Das macht mich glücklich, das zu hören. Vor allem nach unserem Streit am letzten Wochenende. Ich weiß, dass ich anders bin (zumindest hin und wieder mal). Früher hat es mir weh getan, das zu spüren, heute freue ich mich darüber und weiß genau, dass es Menschen gibt, die genauso anders sind wie ich und wenn ich die treffe, ist auf ein Mal keiner mehr anders. Vielleicht ist der Biber auch so und weiß es nur noch nicht! Vielleicht ist jeder so und weiß es nur noch nicht! - Sogar die Ente!

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