»Jedes Kind braucht einen Rahmen, in dem es individuell wirken kann.«

05.11.2012

In die Verantwortung wachsen

„Gerade sitze ich wieder an meinem Computer. Ich habe einfach überhaupt keine Lust gerade anzufangen, mir mein Biobuch zu schnappen und zu lernen. Meine Mama will es unbedingt. Sie denkt, dass ich nie lerne, aber meine Theorie ist, dass sie einfach nur nie sieht, wenn ich lerne! Dabei lerne ich doch wirklich viel. Erst gestern saß ich eine halbe Stunde am Schreibtisch und habe meine Englischvokabeln gelernt. Natürlich, da muss ich ehrlich sein, auch nur, weil meine Mutter mich schon zum dritten Mal darauf hingewiesen hat, dass ja morgen der Vokabeltest ansteht. Dieses Mal wollte sie doch, dass ich ihn endlich mal ein bisschen besser schreibe. Ich habe sie so lange bequatscht, bis ich sie zumindest so weit hatte, dass ich alleine lernen durfte, ohne dass sie die ganze Zeit neben mir hockt. Der Vokabeltest war dann nicht so prickelnd. Von 10 Vokabeln habe ich, glaube ich, 6 gewusst. Ob ich die ganz richtig geschrieben habe, bin ich mir noch nicht so sicher. Jetzt ruft Mama gerade wieder wegen Bio. Ich weiß doch auch, dass ich morgen die Arbeit schreibe und gerade möchte ich einfach lieber am Computer sitzen, als mir das Skelett der Wirbeltiere anzugucken. Warum kann ich nicht einfach auch mal was alleine entscheiden?!“

(Timo, 11 Jahre, 5. Klasse)

Kennen Sie das auch? So manche Eltern, die sich bei mir gemeldet haben, stehen oder standen vor diesem oder einem ähnlichen Problem. Das Kind begreift dann einfach nicht, dass es endlich anfangen muss zu lernen, es überblickt (nach Meinung der Eltern) die Lernsituation überhaupt nicht und bei Ihnen als Eltern schwindet jegliche Hoffnung, dass die nächste Klausur besser wird als die letzte. Für diese Situation gibt es wie so oft kein allgemein gültiges Heilmittel. Ich möchte Ihnen jedoch einen Gedanken dazu aufzeigen, der schon vieles in dieser Situation entspannen kann. Versetzen Sie sich in dieser Situation doch mal in Timo. Nicht umsonst fragt er sich am Schluss seiner Erzählung, warum er nicht einfach mal was alleine entscheiden kann? Und genau das ist das Problem.

Wenn auch nur ein Elternteil dauerhaft die Lernplanung übernimmt und das gesamte Management bezüglich Lernzeit und -schwerpunkte regelt, dann hat das Kind nie die Chance, in seine Verantwortung für sich und sein Lernen zu wachsen. Berechtigterweise sagen jetzt manche Eltern, dass ohne sie ihr Kind nichts auf die Reihe bekommen würde. Ich möchte hier noch einmal betonen, dass die Idee der Verantwortungsübertragung vor allem eine Sache der Handhabung ist. Wenn mein Kind wenig selbstständig ist, ist es auch wichtig, es weiterhin zu unterstützen. Und trotzdem kann man kleine Aufgaben und vor allem die Verantwortung dafür abgeben. Wichtig ist hierbei nur, dass die Konsequenzen auch für alle absehbar sind und bei einem Versäumnis nicht alles, seitens der Eltern, dafür getan wird, es auszubügeln. Ich möchte Ihnen also Mut machen, sich Schritt für Schritt ein Stück weit freier zu machen und Verantwortung an Ihr Kind abzugeben. Damit hat Ihr Kind die Chance, den Sinn und die Auswirkung seines Handelns wahrzunehmen und wird schlussendlich selbstsicherer für sein ganzes Leben.

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